Blaupapier

Erinnern Sie sich noch? Hatte man damals im Büro. Vor allem dieses grüne von Pelikan, das so einen ganz eigenen, unverwechselbaren Geruch nach süßlicher Kohle hatte. Habe ich sogar noch bis vor 3-4 Jahren bei meinen Steuererklärungen benutzt – weil das Fotokopieren der DIN-A-3-Einkommensteuererklärung auch blöd war. Schöngeister wie der Verfasser dieser Zeilen brauchten immer mehrere Anläufe, bevor Vorder- und Rückseite endlich passten. Da war das Durchschreiben auf das Vordruckdoppel mit Blaupapier tatsächlich ein bißchen einfacher – jedenfalls für Methusalems wie mich.

Augenblicklich ist bei unseren abwickelnden Offenen Immobilienfonds absolute Sommerflaute. Es passiert nichts, aber auch gar nichts, worüber man etwas schreiben könnte. Sie kennen das sicher auch: Bei solchen Gelegenheiten kriegt man dann alle paar Jahre mal einen Rappel und fängt an aufzuräumen. Meinen Herrn Aufsichtsratsvorsitzenden, der seit Jahr und Tag mahnend den Finger hebt, wenn er in mein bis vor kurzem noch völlig unaufgeräumtes Büro kommt, wird nächsten Montag beim jour fixe der Schlag treffen. Er hatte sich nach meiner Einschätzung nämlich langsam damit abgefunden, daß alles Mahnen vergeblich blieb und (sein Lieblingswort für den Verfasser dieser Zeilen) „der Himmelhund“ irgendwann unter einem Berg Altpapier und Akten ersticken würde.

Heute waren die Schreibtischschubladen dran. Da herrschte eigentlich ohnehin einigermaßen Ordnung, aber eben die Ordnung von vor ungefähr zehn Jahren. So lange zurück liegen nämlich einige Vorgäge, die ich beim Aufräumen meines Büros wiederfand und dann – das ist der unbestrittene Vorteil eines chaotischen Büros – nach wenigen Sekunden ohne großes Federlesen in den Papierkorb befördern konnte. Also, schon mal aus Prinzip, auch die Schublade mit Formularen und Briefpapier neu durchsortiert. Ein Fach wurde dabei tatsächlich frei: Das Fach, in dem ich bisher in einer Plastikhülle immer noch ein paar Bögen Blaupapier aufbewahrt hatte. Ich glaube, das werde ich tatsächlich nie mehr brauchen. Wieder ein Fall für die interessante Fernsehsendung: „Das war dann mal weg.“

Bei näherem Nachdenken über diesen Beitrag macht sich beim Verfasser desselben übrigens gerade ein gewisses Entsetzen breit. Wenn mein(e) Nachfolger(in) in weiteren zehn Jahren dann wieder mal das Büro aufräumt, wird er/sie über mich ja auch sagen: „Der war dann mal weg.“ Bei Lichte besehen besteht zwischen mir und Blaupapier also gar kein so großer Unterschied. Und dann wird es nur noch einen Scheißdreck wert sein, daß ich (neben der Fähigkeit, gelegentlich sehr gründlich aufzuräumen) vor einem halben Jahrhundert sogar mal Latein gelernt habe. Sic transit gloria mundi.

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