Alles nichts oder?

„Die Verluste, die da auf uns zukommen, werden größtenteils keine Gewinne mehr sein.“

Der Verfasser dieser Zeilen fiel gestern abend gegen 22 Uhr in seinem trauten Heim, wo er gemeinsam mit der besten Ehefrau von allen gerade die zweite Flasche Rotwein ihrer bestimmungsgemäßen Verwendung zuführte, fast vom Sofa. In einem Beitrag auf Phoenix fügte die sogenannte ARD-Börsenexpertin und studierte Germanistin und Politologin Anja Kohl (49) diese epochale Vorhersage in das Lexikon des ewigen Börsenwissens ein.

Das spielt absolut in einer Liga mit dem in die Geschichtsbücher eingegangenen 15 Jahre alten Zitat eines gewissen George W. Bush (74):

„Most of our imports come from other countries.“

So betrachtet hat die Corona-Krise ja tatsächlich auch ihr Gutes: Einerseits zeigen sich bei weder germanistisch noch politologisch auf diesen Job vorbereiteten Virologen plötzlich kommunikative Talente, vor denen man nur den Hut ziehen kann. Andererseits entlarvt die Krise so manchen selbsternannten Experten als das, was er oder sie in Wirklichkeit nur ist: Ein ziemlich kenntnisfreier Dampfplauderer. Ärgerlich nur, daß auch Dampfplauderer ganz selbstverständlich von unseren im Zweifel zwangsweise beigetriebenen Rundfunkgebühren mit bezahlt werden. Wir können sie nicht einmal abwählen.

Big Brother

Dem geneigten Leser, der schon länger dabei ist, wird kaum entgangen sein: Fortschritt im allgemeinen und „Big Data“ im besonderen sind dem Verfasser dieser Zeilen eher keine Herzensangelegenheit.

Dennoch treibt besagten Verfasser natürlich beständig die Neugier, wer sich den hier verzapften Schwachsinn so anschaut. Bis vor kurzem hatten wir im Monatsschnitt knapp 200.000 Besuche von knapp 10.000 verschiedenen Rechnern.

Blankes Entsetzen also erst einmal beim Anschauen der aktuellen Zahlen: Im März wollten nur noch 6.965 verschiedene Rechner etwas von mir wissen, und im April bisher sogar nur noch 4.894. Doch der erste Eindruck, daß das Geschreibsel kein Schwein mehr interessiert, trügt.

Die Zahl der Besuche und die Zahl der aufgerufenen Seiten ist nämlich weiter völlig unverändert. Dass die Anfragen von deutlich weniger Rechnern kommen, hat eine ganz andere Ursache: Eine unveränderte Anzahl Leser beschäftigt eine deutlich geringere Anzahl an Rechnern. Schlicht und ergreifend: Die meisten unserer Leser scheinen jetzt im homeoffice zu sitzen.

Der Verfasser dieser Zeilen, der selbst das aus seinen anonymisierten Nutzerdaten herauslesen konnte, dankt der verehrten Leserschaft auch im Namen der gesamten Bundesregierung für so viel verständnisvolle Beachtung der amtlichen Maßnahmen zur Kontakteinschränkung.

Ich weiß ja nicht wie Sie darüber denken …

Einen gewissen Christian Seifert wird bisher kaum einer unserer verehrten Leser gekannt haben. Das ist der mit einem Millionen-Gehalt honorierte Geschäftsführer der Deutsche Fußball Liga GmbH, also der Chef eines Wirtschaftsunternehmens. Der da neulich an die Öffentlichkeit trat und ganz unverfroren verlangte, daß die Regierung für seine wirtschaftlichen Interessen doch bitte eine Extrawurst braten soll. Sonst gäbe es die Bundesliga in ihrer jetzigen Form künftig nicht mehr.

Zu letzterem vorweg schon mal angemerkt: Na und? Wer braucht denn die Bundesliga in ihrer jetzigen Form überhaupt? Millionengehälter, Transfersummen im dreistelligen Millionenbereich, ständig absurdere Bietgefechte zwischen öffentlichen und privaten Sendern um Übertragungsrechte? Glaubt der Herr Seifert denn allen ernstes, irgendein verständig denkender Mensch hegte für dieses inzwischen vollkommen pervertierte System – das sehr viel mehr Ähnlichkeit mit der antiken Volksbelustigung durch Gladiatoren-Kämpfe hat als mit Sport – auch nur einen Rest von Sympathie?

Aber der Verfasser dieser Zeilen will nicht polemisieren, sondern sich wie immer an die Fakten halten. Es geht um 36 Profi-Klubs, das sind also 18 Spiele, bei denen sich jeweils etwa 200 vorher zu testende Leute im Stadion aufhalten. Es geht also um 18 x 200 = 3.600 People. Dafür sollen, und man traut seinen Ohren nicht, wenn der Herr Seifert sagt „nur“, dafür sollen „nur“ 0,4 % der in Deutschland vorhandenen Testkapazität abgezweigt werden.

Jetzt stellen wir uns mal ganz dumm und fragen: Wenn mit 0,4 % 3.600 Menschen versorgt sind, für wie viele reichen dann 100 %? Genau: Wenn auch andere egoistische Partikularinteressen in der Gesellschaft die knappen Ressourcen mit der gleichen Unverfrorenheit plündern wollten wie es die Deutsche Fußball Liga GmbH plant, dann wäre bei 900.000 Menschen Schluß. Und die restlichen 79.100.000 Menschen in diesem Land? Die scheinen einen Herrn Seifert nicht zu interessieren, der hier ganz unverhohlen verlangt, die rein ökonomischen Interessen seines völlig abgehobenen, aber in keiner Weise systemrelevanten Millionenzirkus‘ über das Wohl der Bevölkerung zu stellen.

Ich weiß ja nicht, wie Sie darüber denken, verehrter Leser. Ich jedenfalls denke, daß der Herr Seifert (der sich bislang natürlich auch immer beharrlich geweigert hat, die Höhe seines eigenen Gehaltes offenzulegen) nicht mehr alle Latten am Zaun hat. Wobei man zu seiner Ehrenrettung sagen muß: Wenn man ihn auf der Pressekonferenz beobachtet hat, und wenn man ein bißchen was von Körpersprache versteht, dann war klar zu erkennen, was seine Mimik ausdrückte: Die sagte „Ich glaube ja selber nicht an den Schwachsinn, den ich hier von mir gebe. Aber ich werde halt dafür bezahlt, daß ich es tue.“

Man kann also nur hoffen, daß sich die Regierung von der Geldmaschine „Profifußball“ nicht einwickeln lässt. Eine die ohnehin knappen Ressourcen plündernde Sonderregelung zum Schutz der rein ökonomischen Interessen eines bestimmten Wirtschaftszweiges ist durch nichts zu begründen. Oder warum soll ein Spiel von Eintracht Frankfurt größere gesellschaftliche Bedeutung haben als ein Konzert in der Frankfurter Oper, das natürlich auch weiterhin nicht stattfinden wird?

Die Regierung sei gewarnt: Wer für den Profifußball eine Sonderregelung schafft, der riskiert, daß in großen Teilen der Bevölkerung die Akzeptanz für die gegenwärtigen heftigen Einschränkungen verloren geht. Denn jedes gesellschaftliche Partikularinteresse hat am Ende gute Argumente, warum die Einschränkungen zwar für alle anderen gelten müssen, aber nicht für einen selbst.

Fahrrad mit Sitzheizung

Haben Sie das an sich selbst vielleicht die letzten Tage auch schon mal bemerkt, geschätzter Leser? Dass Ihnen etwas absonderliche Gedanken durch den Kopf gehen, die man in der Vor-Corona-Zeit so eher nicht gedacht hätte? Ganz schlimm, so erfahren wir aus der Blind-Zeitung. soll es ja Madonna getroffen haben. Die scheint jetzt völlig auszuticken.

So ganz kann sich der Verfasser dieser Zeilen davon ja auch nicht freisprechen. Heute früh z.B., bei der Morgengymnastik, bemerkte die beste Ehefrau von allen bezüglich der Absicht, anschließend gemeinsam mit dem Fahrrad in die Firma zu fahren, es sei draußen ja ganz schön frisch. Ohne langes Nachdenken schlug ihr der Verfasser dieser Zeilen daraufhin vor, kurzfristig ein Fahrrad mit Sitzheizung zu entwickeln. Ihr sei beim Radfahren nicht am Arsch kalt, sondern an den Oberschenkeln, entgegnete da besagte beste Ehefrau von allen.

So muß der Verfasser dieser Zeilen die geneigte Leserschaft mit großem Bedauern davon in Kenntnis setzen, daß sich die epochale Erfindung des Elektrofahrrads mit Sitzheizung durch einen Finanzhistorischer auf dem Rübenfeld nahe Wolfenbüttel voraussichtlich noch um einige Zeit verzögern wird.

So manches andere muß dagegen gar nicht neu erfunden werden. Man braucht es nur wieder aus der Mottenkiste hervorzuholen. Bei uns auf dem Rübenfeld, in unserer schönen Heimatstadt Wolfenbüttel, öffnet demnächst wieder ein Autokino!

Gestorben wird immer

„Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen schreibt uns ins Stammbuch der Welt: alle 10 Sekunden stirbt ein Kind – es ist verhungert. Über 3 Millionen Kinder sterben jährlich Hungers. Im Gegensatz zur Corona-Virus Pandemie mit ihren täglich in neue Höhen schnellenden Zahlen haben die verhungerten Kinder weder medial noch sentimental eine auch nur ähnliche Beachtung gefunden. Ja, wenn’s nicht vor der eigenen Türe geschieht, sind wir weltläufigen Reiseweltmeister und Freizeit-Event-Jongleure nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen.“

So beginnt die Predigt zum Karfreitag 2020, die der Braunschweiger Domprediger em. Joachim Hempel eigentlich vor gut einer Woche in der Klosterkirche Riddagshausen hätte halten wollen. Wie sich der geneigte Leser gewiß vorstellen kann, hat Pfarrer Hempel letzten Freitag nicht auf der Kanzel stehen und diese Predigt halten können.

Sie ist es dennoch wert, gehört (oder wenigstens gelesen) zu werden. Sie, geschätzter Leser, können das. Von der homepage der Klosterkirche Riddagshausen, wo sie einige Tage lang eingestellt war, ist die Predigt leider schon wieder verschwunden. Aber wir schicken sie Ihnen gerne, wenn Sie per email an info@CSrealwerte.de danach fragen.

Warum schreiben wir Ihnen das? Nun, mit Pfarrer Hempel (dem der Verfasser dieser Zeilen übrigens vom Bürofenster aus auf die Terrasse seines Wohnhauses in Salzdahlum kucken kann) haben wir eine besondere Verbindung bei der Hilfe für die „German Church School“ in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba, die die CS Realwerte AG im Rahmen ihrer satzungsgemäß gebundenen Verwendung eines Teils ihrer Gewinne unterstützt.

Gerade in Zeiten wie diesen sollte uns bewußt werden: Über eine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes für blendend verdienende Automobilwerker nachzudenken (wie es unser Bundesarbeitsminister Heil gerade tut) ist ja nett. Einer meiner immer wieder gern zitierten jahrzehntelangen Freunde (zufällig auch in der Automobilbranche beschäftigt gewesen) hat dafür die nette Umschreibung „Ein fettes Schwein mit Speck einreiben“. Denn schon mit den aktuellen 60 % vom netto kriegt jeder Automobilwerker am Monatsende für’s gegenwärtige Nichtstun mehr Geld auf’s Konto als jede im Schichtdienst hart arbeitende Intensivkrankenschwester. Besser wäre es deshalb wohl, Herr Heil (der es scheinbar nicht so gut verträgt, im Schatten der medialen Aufmerksamkeit für das Duo Scholz/Altmaier zu stehen) würde sich Gedanken darüber machen, wie man künftig die wirklichen Stützen der Gesellschaft aufwerten und besser anerkennen könnte, oder wie man die Zahl von jährlich 3 Millionen verhungerten Kindern wenigstens ein bißchen senken kann …

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