Brexit zum Zweiten: (Wie) Trifft es uns?

Am 28.6.2016 hatten wir uns an dieser Stelle erstmals mit dem Brexit und möglichen Folgen für die europäischen Gewerbeimmobilien-Märkte beschäftigt. Unser Fazit: Ja, es knirscht ein wenig im Gebälk. In Großbritannien platzten aufgrund entsprechender Ausstiegsklauseln in den Verträgen Gewerbeimmobilien-Deals im Volumen von rd. 1 Mrd. Euro. Allein die Hälfte ging auf das Konto der deutschen genossenschaftlichen Union Invest, die den beabsichtigten Kauf des Cannon Place in der City of London für mehr als 1/2 Mrd. Euro ad acta legte. Aber grundsätzlich: Keine wirkliche Gefahr.

Der Immobilienmarkt war und ist ein hoch zyklischer Markt, und wird es auch bleiben. Und da war London im gegenwärtigen Zyklus nach unserer hier schon vor fast einem Jahr geäußerten Einschätzung bereits sehr weit gelaufen – weiter und vor allem schneller und früher als jeder andere europäische Markt. Anfangs-Objektrenditen von zuletzt teilweise nur noch 3 % p.a. sind halt eine mehr als sportliche Bewertung und setzen sehr viel Vertrauen in die Möglichkeit künftiger weiterer Mietsteigerungen voraus. Vielleicht noch kein grundsätzlicher Trendwechsel, aber doch eine deutliche Zwischenkorrektur schien uns für diesen Markt deshalb schon seit längerem notwendig und wahrscheinlich. Hierfür war der Brexit dann nur Katalysator und der äußere Anlaß; gekommen wäre diese Korrektur unserer Meinung nach sowieso.

Von „unseren“ Fonds hat nur noch der CS Euroreal drei Objekte in Glasgow und London-Heathrow, die mit rd. 90 Mio. € Verkehrswert für 5 % des Fondsvolumens stehen. Alle anderen Fonds sind großbritannien-frei. Zuletzt hatte der KanAm grundinvest im August 2015 in London das Hauptquartier von Thomson-Reuters für 285 Mio. € verkauft und damit beim timing einiges Geschick bewiesen.

Bis Anfang letzter Woche ließ uns der Brexit deshalb einigermaßen kalt. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse, ausgerechnet während eines kurzen Schottland-Urlaubs: Britische Offene Immobilien-Publikumsfonds wurden als Folge des Referendums mit massiven Rückgabewünschen konfrontiert, die ihre Liquiditätsreserven überstiegen. Am 4.7. setzte ein 2,9 Mrd. GBP schwerer Fonds der Versicherung Standard Life die Anteilscheinrücknahme vorübergehend aus. Am 5.7. folgten ein 1,8 Mrd. GBP schwerer Fonds von Aviva Investors und kurz darauf mit 4,7 Mrd. GBP ein echtes Fonds-Schwergewicht von M&G Investments. Es folgte Aberdeen Asset Management, die bei einem 3,2 Mrd. GBP schweren Fonds die Anteilscheinrücknahmen aussetzten und zugleich die Verkehrswerte des Immobilienportfolios auf einen Schlag um 17 % zurechtstutzten.

Mark Carney, Gouverneur der Bank von England, warnte, der Gewerbeimmobilien-Markt könne ein Schlüsselrisiko für die britische Wirtschaft werden. Allerdings wies er zugleich darauf hin, daß Immobilien heute bei weiten nicht so exzessiv beliehen seien wie 2007/2008 und man die Situation deshalb, anders als damals, gut im Griff behalten könne.

Vergleiche zu 2007/2008 waren gleich in den ersten Kommentaren zu den britischen Fondsschließungen vom 4. und 5.7. aufgekommen: Schließlich waren es im Sommer 2007 zwei in die Schieflage geratene Immobilienfonds von Bear Stearns in den USA, die sich am Ende als Ausgangspunkt der schwersten Krise des Weltfinanzsystems der letzten Jahrzehnte erweisen sollten. Wir müssen uns also fragen: Sind diese Vergleiche zutreffend? Um es vorwegzunehmen: Die Antwort lautet „Nein“, und zwar im wesentlichen aus folgenden Gründen:

1. Die Korrektur am heiß gelaufenen britischen Immobilienmarkt wäre ohnehin gekommen. Der Brexit war nur der äußere Anlaß für eine sowieso zu erwarten gewesene Entwicklung, die dadurch wahrscheinlich nur beschleunigt wurde.

2. Bei allem schuldigen Respekt, aber: „Wenn die USA husten, kriegt die Welt Schnupfen“, sagt eine alte Börsenweisheit. Die USA spielen ökonomisch gesehen in der Bundesliga. Großbritannien dagegen ist im Vergleich dazu nur Bezirksliga.

3. Die Immobilien-Krise 2007/2008 spielte sich vor dem Hintergrund exzessiver Beleihungen ab. In vielen Fällen gaben die Banken, privat wie gewerblich, mit leichter Hand Kredite bis zur Höhe der zuvor in der Blasenbildung aufgeblähten Verkehrswerte. Das ist heute völlig anders: In ihrer Beleihungspolitik sind die Banken, aus Schaden klug geworden und von der Bankenaufsicht klar an die Kandare genommen, deutlich vorsichtiger geblieben und müssen deshalb nicht in Panik reagieren. Selbst viele Großtransaktionen am Gewerbeimmobilien-Markt werden heute aus Eigenkapital finanziert.

4. Die Zentralbanken haben ebenfalls dazugelernt. Von Mitte 2004 bis Mitte 2006 hatte die FED den Leitzins drastisch angehoben, von 1,00 % auf 5,25 %. Das war die Stecknadel, die den Luftballon zum Platzen brachte. Heute dagegen hat die FED offenbar schon nach ihrem ersten zaghaften Zinsschritt wieder den Leerlauf eingelegt. Auch die Zentralbanken haben gelernt, und werden jetzt wohl schon bei den ersten Anzeichen einer Zuspitzung in den „whatever-it-takes“-Modus schalten.

5. Nach den Zinsschritten der FED 2004/2006 standen Immobilienrenditen in Konkurrenz zu Festverzinslichen. Heute dagegen hat der Bund gerade seine erste 10-jährige Anleihe mit einem Kupon von 0 % begeben. Anleihen, jedenfalls vermeintlich risikoarme Staatsanleihen, bringen praktisch keine Rendite mehr. Aktien sind vielen zu unsicher und volatil. Immobilien sind die einzige verbliebene als einigermaßen sicher geltende Anlageklasse, bei der es überhaupt noch so etwas wie Rendite gibt. Die Immobilien-Renditen sind zwar in den letzten zwei Jahren ebenfalls sehr deutlich zurückgegangen (im Umkehrschluß: die Immobilienpreise haben sich kräftig erholt). Aber relativ gesehen zu Staatsanleihen war der Renditeabstand Anleihen versus Immobilien trotzdem noch nie auch nur annähernd so hoch wie heute.

6. Der Hunger nach halbwegs verläßlicher Rendite spiegelt sich in einer gewaltigen Welle anlagesuchenden Kapitals wider. Im Jahr 2007, das einige Kommentatoren vorschnell mit 2016 und London vergleichen, waren am europäischen Gewerbeimmobilien-Markt 250 Mrd. € anlagesuchend und es kam schließlich zu einem Transaktionsvolumen von 226 Mrd. €. Für 2016 rechnen die Experten, nach einem sehr verhaltenen 1. Halbjahr, trotzdem noch mit einem Transaktionsvolumen von 290-320 Mrd. €. Anlagesuchend sind aber in diesem Markt in diesem Jahr, aus den erwähnten Renditegründen, 700 Mrd. €. Mögliche Preisrückgänge am Immobilienmarkt wären nach unserer Einschätzung deshalb überschaubar und wohl nur vorübergehend, denn aus dem großen Nachfrageüberhang würden dadurch sofort anlagesuchende Investoren aus der Reserve gelockt werden.

Auch in London hat sich die Lage inzwischen schon wieder beruhigt: Am 14.7. wurde die Aussetzung der Anteilscheinrücknahme beim „Aberdeen UK Property Funds“ vorzeitig wieder aufgehoben. Den Anlegern dieses Fonds bleibt also nach einer Schrecksekunde nur der 17 %ige Schnitt bei den Verkehrswerten. Das ist ein lokal auf Großbritannien begrenztes Phänomen und wird es auch bleiben.

Als Finanzhistoriker haben wir allerdings auch gelernt, daß üblicher Weise oft genau die Dinge einzutreten pflegen, die vorher jeder Experte für ausgeschlossen gehalten hatte bzw. die gar keiner überhaupt auf dem Ticket hatte. Also müssen wir uns trotz unserer anders lautenden Einschätzung die Frage stellen: Was ist, wenn die Skeptiker doch Recht behalten, die schon jetzt Parallelen zu 2007/2008 ziehen?

Dazu wieder ein Blick zurück in die Geschichte: Die beiden zitierten Bear-Stearns-Fonds brachen im Sommer 2007 zusammen. Bis Ende 2007 hielten sich die Märkte aber noch stabil auf dem erreichten Niveau. Erst Anfang 2008 begann alles zu kollabieren, und im Februar 2009 war dann der Boden erreicht.

Sollte also der Knall am Londoner Immobilienmarkt jetzt im Sommer 2016 mehr gewesen sein als nur ein Wetterleuchten, dann müssten wir ab Anfang 2017 mit deutlichen Marktkorrekturen rechnen. Bis dahin aber werden unsere Fonds auch ihre restlichen Immobilienbestände weitgehend abgestoßen haben: Der AXA Immoselect wahrscheinlich alles, der CS Euroreal und der KanAm grundinvest alles bis auf wenige Restobjekte; die größten Zweifel, ob er auch bei Eintritt dieses worst-case-Szenarios noch rechtzeitig die Kurve kriegen würde, haben wir derzeit beim SEB ImmoInvest. Die übrigen Fonds in unserem Portfolio besitzen bereits heute keine nennenswerten Immobilienbestände mehr, sondern „glänzen“ mit Cash-Beständen, die z.T. sogar oberhalb ihres aktuellen Börsenwertes liegen.

Selbst wenn die Ereignisse im Sommer 2016 sich in der späteren Rückschau als der Anfang vom Ende erweisen sollten, kann man bei Betrachtung der denkbaren Zeitachse also erwarten: Selbst im schlimmsten anzunehmenden Fall wären wir mit unserer Anlagestrategie, gerade in dem Moment als die Zugbrücke anfing hochzugehen, noch sicher in die rettende Burg gehüpft. Daß das vom timing her dann immer noch wunderbar gepaßt haben würde, ist allerdings nicht unser Verdienst – wenn es tatsächlich so käme, dann wäre es in vieler Hinsicht auch einfach nur Glück gewesen.

 

 

KanAm grundinvest verkauft Portfolio für 875 Mio. €

Nun ist es offiziell: Unter dieser Überschrift steht die heutige Veröffentlichung auf der Internet-Seite des KanAm grundinvest. Es handelt sich tatsächlich um die fünf in der von uns gestern zitierten CoStar-Meldung genannten Objekte in Paris, Luxemburg und Rotterdam. Der Brutto-Kaufpreis (von dem noch die üblichen Transaktionskosten abzurechnen sind) liegt mit 875 Mio. € sogar noch etwas höher als gestern mit 850 Mio. € kolportiert. Zur Erinnerung: In den Büchern des KanAm grundinvest stehen die fünf Objekte mit einem Verkehrswert von lediglich 740,7 Mio. €. Der hier über den NAV hinaus erzielte Buchgewinn beträgt also 134 Mio. € (Verkauf 18 % über Buchwert!) bzw. brutto 1,87 € pro KanAm-grundinvest-Anteil.

Die notariellen Verträge sind geschlossen. Besitzübergang und Kaufpreisfälligkeit sind für September 2016 terminiert (für die drei Pariser Objekte besitzt die Stadt Paris das übliche gesetzliche Vorkaufsrecht). Angesichts der Bonität des Käufers haben wir an einer korrekten Vertragsabwicklung keine Zweifel: Amundi Real Estate ist mit einem verwalteten Anlagevermögen von 1.000 Mrd. € Europas größter Asset Manager und unter den Top 10 weltweit.

Darüber hinaus meldet KanAm, daß für weitere drei Immobilien (nach früheren Veröffentlichungen im Wert von rd. 350 Mio. €) die Kaufverträge bereits weitgehend ausgehandelt sind.

Man muß dem Fondsmanagement hier ohne Einschränkungen gratulieren: Das ist eine ganz grandiose Leistung. Sollte nicht auf den letzten Metern noch ganz Unvorhergesehenes passieren, kann man inzwischen wohl davon ausgehen, daß das Abwicklungsergebnis des KanAm grundinvest den aktuellen „Net Asset Value“ noch übertreffen wird. Das ergäbe auf heutiger Kursbasis ein verbleibendes  Wertaufholungspotential von am Ende noch einmal rd. 25 %.

KanAm – Amundi-Paketverkauf geglückt ?!

Soeben fanden wir auf „National Commercial Real Estate News“ (CoStar) folgende bereits am 05.07.2016 veröffentlichte Meldung:

„Amundi Real Estate has defied post-Brexit negative sentiment by completing an €850m acquisition of a prime pan-European office portfolio from German fund manager KanAm.

The deal, which was not binding until after the EU referendum, will come as a welcome injection of confidence to the commercial property market which has seen a number of high profile investment deals waver since 24 June.

Amundi has bought the 155,000 sq m (1.66m sq ft) portfolio, which comprises five core office properties in France, Netherlands and Luxembourg.

Three of the portfolio’s properties are located in Paris, including the 46-storey Tour Egee in the La Defense region of Paris, 53 Quai D’Orsay on the bank of the Seine near the French parliament and the 21,466 sq m Le Stadium, which completed in 2003.

The other properties include Espace Petrusse – ArcelorMittal’s 20,224 sq m Luxembourg headquarters – and the 17-storey PwC Tower in Rotterdam.

Bloomberg reported that the French real estate fund manager agreed exclusivity on the deal in May, but the final deadline for Amundi’s binding offer was set for after the referendum.“

Die damit erfolgte Bestätigung des Amundi-Deals würde erklären, warum der KanAm-Kurs nach einem technischen Rücksetzer nach der Ausschüttung Ende Juni (den wir noch einmal zu Nachkäufen genutzt hatten) schon seit ein paar Tagen kräftig nach oben geht.

In der letzten Vermögensaufstellung des KanAm grundinvest erscheinen die fünf Objekte mit einem addierten Verkehrswert von 740,7 Mio. €. Der Verkauf zu 850 Mio. € bedeutet einen Aufschlag von 15 % auf die Verkehrswerte. Unsere internen Verkaufspreis-Prognosen für diese fünf Objekte hatten bei lediglich 680 Mio. € gelegen. Besonders kritisch hatten wir dabei „Espace Petrusse“ in Luxemburg gesehen: Der alleinige Mieter, der Stahlkonzern Arcelor-Mittal, hatte schon vor geraumer Zeit angekündigt, den Mietvertrag für seine bisherige Hauptverwaltung (Ablauf: Frühjahr 2021) nicht verlängern zu wollen.

Mit dem Ausbau des KanAm grundinvest (überwiegend zu den Tiefstkursen von April/Mai dieses Jahres) zur stärksten Position unseres Portfolios hatten wir jetzt insbesondere beim timing ein recht glückliches Händchen.

Ein weiterer Kursanstieg um bis zu 10 % dürfte die Folge sein, sobald KanAm diese Meldung und den Preis offiziell bestätigt, und außerdem bekannt gibt, welche weiteren Objekte jetzt darüber hinaus verkauft werden konnten. Nach eigenem Bekunden auf der homepage hatte KanAm insgesamt ein Volumen von 1,2 Mrd. € (= wertmäßig 60 % des noch vorhandenen Immobilienbestandes) schlußverhandelt.

Volksbank BraWo – erfolgreicher Neustart

Vor gut einem Jahr hatten wir mit der Volksbank eG Braunschweig Wolfsburg eine Kreditlinie verhandelt. Nachdem alle Details bereits ausverhandelt waren und es nur noch um die formelle Genehmigung und Vertragsunterzeichnung ging, wurde das Projekt von der Volksbank ganz abrupt kommentarlos abgebrochen. Über die Gründe hatten wir an dieser Stelle am 11.06. berichtet: Genau mitten in den Genehmigungsprozeß hinein waren bezgl. unseres Wertpapierhandels Vorwürfe der BAFin geplatzt, die sich im Nachhinein als vollkommen gegenstandslos herausstellten.

Auch der Volksbank selbst war ihr eigenes Verhalten hinterher einigermaßen unangenehm. Nachdem wir einen von den Behörden ausgestellten „Persilschein“ vorweisen konnten, hat die Bank deshalb die vor einem Jahr abgebrochenen Gespräche mit uns wieder aufgenommen.

Als Ergebnis konnten wir heute vormittag einen Kreditvertrag mit der Volksbank eG Braunschweig Wolfsburg unterzeichnen. Die (für uns im Vergleich zu den beiden anderen involvierten Instituten noch etwas günstigeren) Bedingungen sind exakt die, welche wir bereits vor einem Jahr fertig ausgehandelt hatten. Aus technischen Gründen liegt der Kreditrahmen anfänglich erst einmal bei 1 Mio. €. Eine Aufstockung auf 5 Mio. € ist auf Sicht von 6-8 Wochen in Aussicht genommen.

Brexit – wohin gehen die Immobilienmärkte?

Auch aus der Fußball-EM sind die Engländer raus nach der Niederlage gegen Island in einem sehr sehenswerten Spiel. Der Brexit nimmt also auf allen Gebieten langsam Gestalt an. Das ist nicht mehr als eine nüchterne Feststellung, keine Häme. England ist die mit weitem Abstand älteste Demokratie unter den großen Ländern in Europa. Dort vom Volk in demokratischer Abstimmung getroffene Entscheidungen zu kritisieren steht uns nicht zu, mögen wir sie noch so blöd finden.

Die Börsen knirschen, das Pfund Sterling fällt auf den niedrigsten Stand der letzten 30 Jahre. Nicht wenige malen das Gespenst einer globalen Rezession an die Wand. Was wir für maßlos übertrieben halten, genau so wie wir glauben, daß dem Thema Brexit augenblicklich eine schicksalschwere Bedeutung beigemessen wird, die ihm nie im Leben tatsächlich zukommt. Ein ordentlicher Vulkanausbruch auf Island oder ein kleiner Atomunfall in Japan hat, wie wir in den letzten Jahren lernen durften, genau so viel oder genau so wenig Auswirkungen auf die Weltwirtschaft wie der Brexit. Unschön, aber: Die Show geht weiter. Hand auf’s Herz: Würde der europäische Durchschnittsbürger, also Sie oder ich, irgendwelche Beeinträchtigungen seiner Lebenqualität fühlen, nur weil das Wirtschaftswachstum mal 0,5 oder 1,0 % geringer ausfällt?

Doch unsere Medien brauchen Negativ-Schlagzeilen, jede Woche muß eine neue pickelverseuchte publizistische Sau durch’s Dorf getrieben werden. Euro-Krise, Griechenland-Kollaps, ein bißchen Flüchtlingskrise, Trump als Präsidentschaftskandidat und jetzt der Brexit: Das Geschäft mit der Angst ist nun mal ganz wunderbar lukrativ. Deshalb kriegen wir von der Journaille die Welt jeden Tag viel negativer dargestellt als sie in Wirklichkeit ist, und die möglichen Auswirkungen aktueller Ereignisse werden oft maßlos übertrieben. Zwei Monate später ist es dann jeweils kein Thema mehr.

Aber zeitkritische Anmerkungen aus Wolfenbüttel scheren die Finanzmärkte nicht. Dort regieren seit Jahrhunderten genau zwei Strömungen: Die Gier und die Angst. Und nach dem Brexit wuchs die Angst ganz gewaltig. Märkte sind vor allem Psychologie. Vernunft und sachliche Argumente dagegen sind für die Erwartung künftiger Marktentwicklungen in solchen Zeiten eher kein verläßlicher Ratgeber.

Natürlich beschäftigt uns seit letzten Freitag eine Frage ganz gewaltig: Welche Auswirkungen könnte die fundamental veränderte Situation im europäischen Haus für die Gewerbeimmobilienmärkte insgesamt haben?

Der Nebel hat sich noch längst nicht gelichtet, deshalb heute einfach nur ein paar Gedankensplitter:

a) Immobilien sind Sachwerte. Sachwerte bekommen gerade in Krisenzeiten eher Auftrieb.

b) Durch die jüngsten Ereignisse ist die Wahrscheinlichkeit stark gestiegen, daß die Null- bzw. Negativzinsphase nun noch länger anhält. Das stützt die Immobilienmärkte. Zinswende? In diesem Jahrzehnt mit Sicherheit nicht mehr, hörte ich letzte Woche in Frankfurt unisono von mehr als einem halben Dutzend Finanzmarktfachleuten bei meinen Besuchen.

c) Ganz entscheidend bleibt die Renditedifferenz. Auch wenn die Anfangsrenditen bei Immobilientransaktionen seit knapp zwei Jahren unter Druck sind (sprich im Umkehrschluß: die Immobilienpreise steigen), hat sich die absolute Renditedifferenz zwischen den Bondmärkten und den Immobilienmärkten in dieser Zeit immer noch mehr ausgeweitet.

Die Immobilienmärkte und ihre Akteure sind hier inzwischen in einem echten Dilemma. Dazu sagte auf einer Investment-Konferenz am 22.6.2016  in Hamburg Dr. Christoph Schumacher, Mitglied der Geschäftsführung der Union Investment Real Estate GmbH (Gruppe Volks- und Raiffeisenbanken),  selbst einer der größten Akteure im Immobilienfonds-Geschäft: „Die Rendite-Differenz zwischen Bond- und Immobilienmärkten ist inzwischen auf historisch noch nie dagewesene 5 % angestiegen. Das setzt die Immobilien-Renditen tendenziell weiter unter Druck. Die meisten Sorgen mache ich mir dabei um meine Kollegen bei den Mischfonds-Managern: Sie wissen nicht mehr, woher sie noch Rendite bekommen sollen, und schielen auf die Immobilien-Renditen als reine Kennzahl. 5 % Mehrrendite gegenüber Bonds erscheinen ihnen höchst attraktiv. Aber Immobilien haben im Vergleich zu Anleihen eben auch ganz andere spezifische Risiken, die entsprechend bepreist sein müssten. Davon verstehen die Mischfonds-Manager zwar überhaupt nichts, aber rufen bei mir ganz laut nach Produkten, mit denen sie an den relativ gesehen hohen Immobilien-Renditen durch indirekte Anlagen partizipieren können.“

Die weitgehende Abwesenheit von Rendite bei vielen ehedem klassischen Anlageformen sollte also, Brexit hin, Brexit her, die Gewerbeimmobilienmärkte wenigstens noch eine Weile stützen können. Ihre Bestätigung findet diese Annahme in einer Präsentation von Dr. Thomas Beyerle, Geschäftsführer der Catella Property Valuation Germany GmbH (Tochter des international führenden schwedischen Immobilien-Dienstleisters Catella). Auf der gleichen Veranstaltung letzten Mittwoch in Hamburg stellte er über einen Zeitraum von 10 Jahren die Transaktionsvolumina auf den europäischen Immobilienmärkten der Investoren-Nachfrage gegenüber:

PropertyEU_European Outtlook H2_Hamburg 22 June_2016

European transaction volume vs. available capital

(zum Vergrößern bitte einfach auf die Grafik klicken)

Die Größe „verfügbares Anlagekapital“ wird dabei ziemlich präzise durch Umfragen unter allen in Frage kommenden institutionellen Investoren ermittelt, und hier spiegeln sich der aktuelle Anlagenotstand und die woanders fehlende Rendite direkt wider: Entsprach vor der letzten Finanzkrise in 2007 die Größenordnung Transaktionsvolumen (226 Mrd. €) noch weitgehend dem anlagesuchenden Kapital (250 Mrd. €), so hat sich die Differenz mit Fortschreiten der Niedrigzinsphase immer mehr ausgeweitet: In 2016 erwartet man beim Transaktionsvolumen mit 290-320 Mrd. € einen noch nie dagewesenen Höchststand. Im Immobilienbereich anlagesuchend ist dieses Jahr aber mit 700 Mrd. € mehr als doppelt so viel wie der Markt hergibt.

Es wäre vielleicht ein zulässiger Schluß, zu sagen: Selbst wenn der Brexit einige Investoren zu größerer Abstinenz veranlasst, der Nachfrageüberhang ist so gewaltig, daß es den Immobilienmarkt nicht besonders beeinträchtigen wird.

Aber, wie gesagt: Das ist das sachliche Argument der Vernunft, das in solchen Zeiten vielleicht nur bedingt zählt. Märkte sind nicht Vernunft, sondern Psychologie. Wir werden deshalb die Entwicklung der Märkte und insbesondere auch offenkundige Auswirkungen auf die Transaktionsfreudigkeit weiter ganz besonders aufmerksam beobachten und nötigen Falls fix reagieren.

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