Verena, Vera oder Helmuth?

Nach den Erfahrungen des vergangenen Jahres überkam den Verfasser dieser Zeilen das unstillbare Bedürfnis, in die Vielfalt seiner Bankbeziehungen etwas Ordnung zu bringen. Simplify your life. Neben anderem führte das auch zu diversen Briefen der Volksbank eG Braunschweig Wolfsburg, jeweils unterschrieben von Verena Wachtel.

Gestern nun hatte sich der Verfasser dieser Zeilen mal wieder in die Hände einer professionellen Dame zu begeben. Nicht was Sie denken, Sie Unhold. Nein, die Rede ist von Zahnreinigung. Die professionelle Reinigung der zugegebener Maßen inzwischen sehr überschaubaren Restanzahl eigener Zähne besorgte gestern Vera Hamster. Und (diese Dame kennt der Verfasser dieser Zeilen schon aus Zeiten als er noch gar keine Prothese trug) es assistierte Lara Lustig.

Angesichts dieser phantasievollen Namen schämt man sich fast, nur Jörg Benecke zu heißen. Wenngleich das nicht einmal die ganze Wahrheit ist. Auf Auslandsreisen heiße ich seit ein paar Jahren Helmuth. Das liegt daran, daß meine inzwischen 94-jährige Frau Mutter nach meiner Geburt den Wunsch hatte, meinem eigentlichen Namen Jörg zum Andenken an ihre beiden vor Stalingrad im Krieg gebliebenen Brüder deren Namen Helmuth und Arno voranzustellen.

Früher, in analogen Zeiten, war das so geregelt, daß im Reisepaß der Hauptvorname unterstrichen war. In Zeiten maschinenlesbarer Ausweise kann man auf solche Feinheiten keine Rücksicht mehr nehmen. Vorname ist ganz automatisch, was da als erstes steht. Ganz zu Anfang versuchte ich noch, dem Einwanderungsbeamten zu erklären, mein richtiger Vorname sei eigentlich Jörg. Das brachte mich aber regelmäßig nur in größere Schwierigkeiten. Mit künstlicher Intelligenz, die sich bei der Ausführung ihrer Tätigkeit eines unterbelichteten Uniformierten bedient, kannst Du nun mal nicht diskutieren. Wenn KI nach Auswertung Deiner maschinenlesbaren Daten sagt, Du bist, sagen wir mal, eine Wachtel, oder auch ein Hamster, dann bist Du eben eine Wachtel oder ein Hamster. Reg‘ Dich bloß nicht auf. Das ist halt der Fortschritt. Auf Einzelschicksale kann man da weiß Gott keine Rücksicht nehmen.

Man hat uns ja lange genug eingebläut, Veränderungen positiv zu sehen. Na gut. Dann heiße ich eben neuerdings Helmuth. Das ist auch viel praktischer als Jörg. Mit Schaudern erinnere ich mich noch an das Strandcafé auf Annamaria Island (das liegt am Golf von Mexico südlich von Tampa). Vor vielen Jahren, als es noch gar keine maschinenlesbaren Pässe gab, war da mal zum Frühstück in Florida gemeinsam mit Freunden ein Café am Strand von Annamaria Island das Café unseres Vertrauens. Die Bude wurde damals, als es auch in den USA noch keine Grundrente gab, von Rentnern betrieben, die da irgendwie gestrandet waren. Man musste seine Bestellung an einem Schalter aufsagen, und auf den Bestellzettel wurde der Vorname geschrieben. Dann humpelte einer der Greise mit dem Zettel durch die Küche und fing an zu brutzeln. Damals war ich noch fest davon überzeugt, Jörg zu heißen. Also stand dieser Name auch auf dem Bestellzettel.

Später kriegte man die Bestellung an den Platz gebracht. Die Bedienung wusste aber nicht, wo man saß – man wurde also ausgerufen. Haben Sie eine Vorstellung davon, wie es aussieht und wie es sich anhört, wenn eine 82-jährige frisch dauergewellte, auf jugendlich geschminkte und von der Sonne ordentlich angekokelte Rentnerin in Hot Pants in besagtem Strandcafé in etwas heiserem Sopran versucht, einem „Jörg“auf der Terrasse sein Frühstück zu bringen? Das hört sich an wie Möwengeschrei: Örk, Örk, Örk. Und weil am Strand tatsächlich richtige Möwen schreien, war das Rührei auf jeden Fall mal kalt geworden, ehe besagter „Jörg“ realisierte, daß das Möwengeschrei ihn meinte. Jetzt, wo ich Helmuth heiße, könnte ich da eigentlich mal wieder hinfahren …

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