Die Echternacher Springprozession

Erst letzte Woche hatten wir beim CS Euroreal wegen der heftigen Abwertung des Einkaufszentrums im tschechischen Olmütz einen Rückgang des Anteilwertes (Net Asset Value) von 7,81 EUR um rd. 6 % auf 7,43 EUR zu beklagen.

Heute geht es schon wieder in die andere Richtung: Plus 1,6 % auf 7,55 EUR.

Aus dem Hause KanAm gab es schon vor etlichen Jahren zu solchen Volatilitäten (die dort nämlich nicht stattfinden) die Aussage: „Es kann uns bei der Ermittlung des Anteilwertes ja keiner verbieten, da mal unsere Kalender übereinanderzulegen.“ Natürlich, bei einer solchen Vorgehensweise wird eben auch vieles nicht ganz so Angenehme für den Außenstehenden dann gar nicht erst sichtbar. Und das ist auch nicht wirkliche Transparenz. Aber ein dermaßen hin- und herfliegender Teppich wie bei den beiden CS-Fonds ist ebenso wenig der Weisheit letzter Schluß.

CS Euroreal: Schlimmer geht immer

Bereits im April 2018 hatte der CS Euroreal sein 31.360 m2 großes Einkaufszentrum „Olympia“ im tschechischen Olmütz von 74,2 Mio. EUR ziemlich kräftig auf 56,0 Mio. EUR abgewertet. Begründung damals: „Erhebliche Reduzierung des Bodenwertes, Erhöhung des Liegenschaftszinssatzes sowie angesetzter Abschlag für Investitionskosten für den Hypermarkt.“

Das hatte uns schon etwas mißtrauisch gemacht, und wir hatten unsere für die Berechnung des Wertaufholungspotentials maßgebliche interne Verkaufpreiserwartung auf 35,0 Mio. EUR heruntergeschraubt. Das war aber noch längst nicht vorsichtig genug, wie wir heute wissen.

Einen kräftigen Rückgang des Anteilswertes um rd. 6 % auf 7,43 EUR je Anteil begründet die Verwahrstelle Commerzbank AG gestern mit einer weiteren Abwertung von Olmütz auf, halten Sie sich fest, jetzt nur noch 19,0 Mio. EUR. Der schon vor einem Jahr kräftig reduzierte Verkehrswert wurde also jetzt noch einmal gedrittelt. Mit „erhebliche Reduzierung des Bodenwertes sowie Erhöhung des Liegenschaftszinssatzes“ werden zwei alte Bekannte der letztjährigen Begründung wiederholt, „gestiegener Leerstand sowie erhebliche Reduzierung der nachhaltig erzielbaren Miete und der Restnutzungsdauer“ kommen heuer noch neu dazu.

Man fragt sich bei solch erratischen Ausschlägen in den Verkehrswerten allen Ernstes, was der für die Bewertung zuständige Sachverständigenausschuß bei seinen Sitzungen raucht – gesund kann es auf keinen Fall sein.

Bei dieser Entwicklung muß man auch schon einmal eine Variante rechnen, die den für Olmütz erzielbaren Erlös mit Null ansetzt. In dem Fall müsste das zweite übrig gebliebene Objekt (die Rathaus-Galerie in Essen, die übrigens zufällig fast auf den Quadratmeter genau so groß ist wie Olmütz) mindestens 30,0 Mio. EUR bringen, ehe die Anleger des CS Euroreal auf der gegenwärtigen Kursbasis „Nasse“ machen. Bei einem Verkehrswert von aktuell noch 123,3 Mio. EUR sollte man das erwarten können.

Dennoch ist durch diese Entwicklung fast alle Phantasie, die in diesem Fonds noch dringesteckt hatte, verloren gegangen – und viel Vertrauen in das Fondsmanagement außerdem.

Als Wirtschaftsflüchtling in Ägypten

Ich muß doch noch mal auf den vorletzten Beitrag zurückkommen und die dort aufgeworfenen Fragen nach der wirtschaftlichen Stärke oder Schwäche einzelner Länder.

Solche Dinge schreibe ich nicht, ohne das begleitend zu recherchieren und den Wahrheitsgehalt der bei Dritten aufgeschnappten Informationen einigermaßen gründlich zu überprüfen. So stieß ich bei der Recherche zu den größten Volkswirtschaften der Welt schon wieder auf Dinge, die ich kleiner Wicht vom Rübenfeld mir so gar nicht hätte vorstellen können.

Es gibt Institutionen auf dieser Welt, die mit geradezu krankhaftem Forscherdrang weit in die Zukunft zu blicken versuchen. Unsereiner, aber wie gesagt, wir sind ja nur Rübenfeldler, begnügt sich da mit der Erkenntnis „Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt“. Die Standard Chartered Bank denkt da anders. Sie hat schon ziemlich genaue Vorstellungen, wie die Welt im Jahr 2030 aussehen wird. Doch, Ihr lieben Leute, trotzdem fehlt diesen miefigen anglophonen Bankern noch ein gerüttelt Maß an Phantasie: PriceWaterhouseCoopers, kurz pwc, kennt schon heute die stärksten Wirtschaftsnationen des Jahres 2050.

In einem Punkt unterscheiden sich die Jahre 2030 und 2050 überhaupt nicht: China, Indien und die USA (und zwar beide Male in dieser Reihenfolge) werden auch künftig die Weltwirtschaft dominieren. Und in beiden Prognosen (auch schon 2030!) wird Indonesien die Nr. 4 sein. Der Rest der Welt liefert sich dann nur noch das Rennen um die billigen Plätze. Großbritannien, schon heute hinter (!) Indonesien nur noch die Nr. 9, kommt dann in keiner Statistik mehr vor. Die auf der Insel gegenwärtig herrschende Selbstüberschätzung ihrer verbliebenen Bedeutung schreit förmlich nach professioneller Hilfe.

Bereits 2030 werden nach Ansicht der Standard Chartered Bank neben Indonesien auch die Türkei, Brasilien und Ägypten (Plätze 5-7 der größten Volkswirtschaften der Erde) die Länder Russland, Japan und Deutschland (Plätze 8-10) überrundet haben. Ich schwanke jetzt noch, ob ich als Wirtschaftsflüchtling in wenigen Jahren dann lieber in die Türkei gehe oder doch gleich nach Ägypten. Beide Länder haben eine ordentliche Hotel-Infrastruktur (kann man, wenn die Touristen aus den schwach gewordenen Ländern wegbleiben, problemlos in Senioren-Residenzen umbauen, Thailand macht das schon seit Jahren vor). Und man sollte hoffen, daß diese Länder uns Wirtschaftsflüchtlingen auch Sprachkurse anbieten werden, damit man sich gut integrieren kann.

Besonders gespannt bin ich schon, wie die Ägypter dann mit Flüchtlingen aus der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien umgehen werden. Hoffentlich sind sie nicht all zu nachtragend. Vor allem sollte man Gott (oder dann vielleicht Allah) auf Knien bitten, daß auf keinen Fall plötzlich ein ägyptischer Seehofer aufsteht und fordert, daß man die als Asylbewerber nicht anerkannten Wirtschaftsflüchtlinge aus Deutschland oder Großbritannien schnellstmöglich zurück in ihre Heimat abschiebt.

Wenn Historiker versuchen, in die Zukunft zu kucken, kommen da halt genau so merkwürdige Beiträge heraus wie bei ihrer Bereisung der Vergangenheit. Wir hoffen, es bringt Sie trotzdem ein bißchen zum Nachdenken. Vielleicht sollten wir zu den Menschen, die heute zu uns kommen, generell etwas netter sein. Es ist ja nicht auszuschließen, daß wir sie schon in überschaubarer Zeit um ihre Gastfreundschaft bitten müssen.

Verwundbare Schönheit

Regelmäßig nehmen die Auslandskorrespondenten des „Handelsblatt“ die Wirtschaft ihrer Gastländer in’s Visier. Ganz gelegentlich kann sich der unbefangene Leser dabei nicht des Eindrucks erwecken, besagte Korrespondenten wären der Meinung, ihre Gastländer sollten sich doch gefälligst an einem pickligen Streber und Klassenbesten wie Deutschland ein Beispiel nehmen. Darauf werden wir dann noch zurückzukommen haben.

Gestern war also unter obiger Überschrift „Verwundbare Schönheit“ Spanien dran, und die dortige Korrespondentin Sandra Louven beschrieb unter Zuhilfenahme umfangreicher Statistiken, warum man sich um Spanien schon ein paar Sorgen machen müsse.

Fangen wir bei ihren Argumenten ruhig einmal von hinten an, nämlich bei der überraschenden Feststellung: „Dabei ist das Land gerade für die digitale Wirtschaft bestens ausgerüstet. Spanien hat eines der schnellsten und am weitesten ausgebauten Glasfasernetze in Europa.“ Aha. Wenn man das tollste Glasfasernetz hat, aber wirtschaftlich trotzdem hinten liegt, heißt das ja im Umkehrschluß: Sooo wichtig, wie uns das in unserem Lande die Fortschrittsfanatiker weiß machen wollen, ist ein toll ausgebautes Glasfasernetz scheinbar doch nicht. Darüber sollten diejenigen Damen und Herren, die in Deutschland am liebsten gleich morgen jede noch so kleine Straße aufgebuddelt sehen wollen, gern einmal nachdenken.

Schnell hat Sandra Louven dann auch einen Grund für den ihrer Ansicht nach unzulänglichen Zustand der spanischen Wirtschaft entdeckt: „27 % der spanischen Angestellten haben nur einen Zeitarbeitsvertrag. Der läuft im Schnitt gerade einmal über einen Monat. Der IWF sieht darin das Haupthindernis, um die Produktivität der Arbeitskräfte zu steigern. Denn Arbeitgeber investieren kaum in die Weiterbildung von Mitarbeitern, die nur kurz im Unternehmen sind.“

Der Historiker mit philosophischen Anwandlungen fragt sich an der Stelle, ob es denn das Hauptaugenmerk menschlichen Sinnens und Trachtens sein kann und darf, die Produktivität der Arbeitskräfte zu steigern. Wem nützt das denn? Vor allem ja dem Boss, dessen Bonus dann noch weiter steigt. Die einfachen Menschen, das wird uns am Beispiel Spaniens hier ja gerade wunderbar vorgerechnet, haben von diesem ökonomischen Firlefanz nichts. Es muß an der Stelle durchaus die Frage erlaubt sein, ob der Aufstieg populistischer Parteien nicht auch damit zu tun hat, daß die wirtschaftlichen Eliten in dieser Welt völlig die Bodenhaftung verloren haben. Daß sie glauben, sie könnten ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Belange tun, was sie wollten, wenn es denn nur den eigenen Wohlstand mehrt. Der Cum-Ex-Skandal oder der Diesel-Skandal sind eindrucksvolle Beispiele, wie sehr die Moral in der Welt der Banker und Bosse inzwischen verkommen ist.

Nebenbei kann ich mir auch den kleinen Seitenhieb nicht verkneifen: Gerade die Wirtschaftspresse, die hier in Person von Frau Louven prekäre Beschäftigungsverhältnisse als Hemmschuh für wachsenden Wohlstand ausmacht, ist nach meinem Kenntnisstand in den vergangenen Jahren nicht gerade dadurch aufgefallen, daß sie ihre Redakteure mit üppig dotierten Festanstellungsverträgen verwöhnt. Darüber könnte ja speziell Herr von Holtzbrinck gern einmal nachdenken, ehe er in seinen Publikationen solche einfach nicht zu Ende gedachten Analysen veröffentlichen lässt.

Solche Analysen wie „Doch auch in der Produktivität schwächelt Spanien. Während in Deutschland eine Stunde Arbeit 74 Dollar an Wirtschaftsleistung schafft, sind es in Spanien nur 56 Dollar.“     Nicht unerwähnt soll an dieser Stelle bleiben, daß ich dem „Handelsblatt“ für die mitgelieferten Statistiken dennoch ausgesprochen dankbar bin. Denn Zahlen lügen nicht und öffnen auch einem vergleichsweise alten Menschen wie mir immer noch aufs Neue die Augen für unerwartete Tatsachen.

Besagte Statistik über das „Bruttoinlandsprodukt je Arbeitsstunde 2018 in US-Dollar Kaufkraftparität“ führt als unangefochtenen Spitzenreiter Norwegen mit 84,4 $. Doch schon bei den Plätzen 2 bis 4 kriegte ich große Augen: Deutschland mit 73,7 $, die USA mit 72,0 $ und Frankreich mit 71,6 $ liegen allesamt fast gleichauf. Hätten Sie das gedacht? Ich jedenfalls nicht. Man fragt sich jetzt nur noch, was Donald Trump eigentlich will, wenn er fordert „Make America great again.“ Will er auch noch Norwegen überholen?

Das arme Spanien liegt mit 56,2 $ etwas abgeschlagen, aber das Ende der Statistik ist dort noch lange nicht. Inzwischen faszinierte mich diese Statistik so sehr, daß ich beim Frühstück die Erkenntnis des vorigen Absatzes der besten Ehefrau von allen eröffnete und sie um ihre Einschätzung bat: „Schatz, was glaubst Du, was sind denn in dieser Welt noch wirtschaftlich starke Länder?“ Antwort: „Italien? Vielleicht? Ach so, in der ganzen Welt. Indien. Und China. Ach ja, und Japan, natürlich vor allem Japan.“

Seien Sie ehrlich, liebe Leser, so ähnlich hätten Sie auch antworten können, oder? Doch an diesem Punkt führt der Handelsblatt-Beitrag dann die ganzen zwei Zeitungs-Seiten seiner Argumentation schließlich selbst ad absurdum. In der Statistik der Arbeitsproduktivität liegt Japan, bis heute noch vor Deutschland die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, mit 46,1 $ Bruttoinlandsprodukt je Arbeitsstunde ganz weit abgeschlagen hinter Spanien mit seinen 56,2 $ und auch nur knapp vor Griechenland mit 38,9 $.

Vielleicht liegt der teilweise etwas abfällige Blick auf ökonomisch vermeintlich schwächere Nachbarn einfach nur daran, daß man uns in unserem kapitalistischen und nur auf individuellen Erfolg fixierten System leider angewöhnt hat, in den falschen Kategorien zu denken. Vielleicht ist es entschieden zu kurz gesprungen, Lebensqualität mit überwiegend monetären Maßstäben bewerten zu wollen.

Armes Deutschland

Nach dem vor über 40 Jahren von seinem damaligen Chef bei den Braunschweiger Luther-Werken erlernten Motto „Die Haare wachsen während der Dienstzeit, also dürfen sie auch während der Dienstzeit geschnitten werden“ machte sich der Verfasser dieser Zeilen mit seinem Diesel-Fahrzeug des benachbarten Hütchenspieler-Konzerns heute mittag auf den Weg zum Friseur in Braunschweig. Es wird niemanden interessieren, daß er seit 1977, also inzwischen 42 Jahre lang, von stets der selben Dame die Haare geschnitten kriegt; aber erwähnt sei es, nur der Vollständigkeit wegen, trotzdem.

Auf dem Weg in die Stadt kamen zwei Dinge zu seiner Kenntnis, die ihm die Aufnahme in das „Lexikon des unnützen Wissens“ allemal wert erscheinen und die deshalb zwangsläufig auch unserer geneigten Leserschaft zur Kenntnis gelangen.

An der Theodor-Heuß-Straße (ausgerechnet Theodor Heuß, der würde sich im Grabe umdrehen, wenn er es wüsste) sprangen dem vorbeifahrenden Automobilisten zwei Schlagzeilen auf einem Wahlplakat der Linkspartei in’s Auge:

Rüstungsexporte verbieten – europaweit

Flüchtlinge retten – selbstverständlich (mit Abbildung eines Rettungsrings)

Also, mal mit den Worten eines einfachen Menschens vom Rübenfeld ausgedrückt: Schluß mit der Rumballerei, und die armen Flüchtlinge selbstverständlich aus dem Wasser ziehen. Bemerkenswerte Forderungen für eine Partei, die, als sie noch staatstragend war, mit größter Selbstverständlichkeit auf Flüchtlinge schießen ließ, die versuchten über die Spree nach West-Berlin zu schwimmen. Aber da sind wir auch schon wieder bei dem Punkt: Historiker, die gewohnheitsmäßig die Vergangenheit im Hinterkopf behalten, sind in unserer Gesellschaft eine vernachlässigenswert kleine Restgröße. Auf die kann die Werbeagentur der Linkspartei nun weiß Gott nicht auch noch Rücksicht nehmen.

Der zweite Eintrag im „Lexikon des unnützen Wissens“ sind gewisse Regeln, die in Deutschland jedermann und jederfrau (auch Muslime und Kommunisten) an stillen christlichen Feiertagen zu beachten hat. Verboten ist alles, was das „reiligiöse sittliche Empfinden an stillen christlichen Feiertagen zu verletzen“ geeignet ist. Wir sagen Ihnen das jetzt gerade noch rechtzeitig, denn morgen der Karfreitag ist zum Beispiel so ein Feiertag. Beachten Sie bitte das morgen geltende Tanzverbot. Und sollten Sie die Gewohnheit haben, öffentlich Filme aufzuführen, so denken Sie bitte daran, was Sie morgen nicht zeigen dürfen. Es gibt eine Index-Liste mit 756 Filmen, die an stillen christlichen Feiertagen tabu sind. Daß dazu zum Beispiel „Das Leben des Brian“ gehört, leuchtet noch irgendwie ein. Aber warum auch alle Bud-Spencer-Filme und selbst „Heidi“ auf dieser Liste stehen, wissen wahrscheinlich nicht einmal die Bürokraten, die diese Liste erst im Jahr 2016 wieder auf Kosten des Steuerzahlers verfertigt haben.

Liebe Leute: Es ist unglaublich, was für ein Scheiß in Deutschland von der Bürokratie so alles geregelt wird. Wenn wir den Staat so weitermachen lassen, wird das öffentliche Leben irgendwann vollständig zum Erliegen kommen. Aber wahrscheinlich liegen in irgendeiner Schublade in einer deutschen Amtsstube auch schon fix und fertig die Vorschriften, wie man sich zu verhalten hat, wenn das öffentliche Leben wegen Überregulierung zum Erliegen gekommen ist.

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