Der Friseur

„Mama, wann macht eigentlich der Friseur wieder auf?“ – „Ich bin nicht Mama, mein Sohn. Ich bin Papa.“

Geschafft!

Unser damaliger Auszubildender Fabian Palic (der heute in Hamburg Jura studiert und diese Seite für uns übrigens immer noch administrativ betreut) hatte es 2011 ganz an die Spitze gebracht: In Gegenwart seiner stolzen Familie und des Verfassers dieser Zeilen bekam er in Hannover in einer Feierstunde vom Wirtschaftsminister als Jahrgangsbester seines Fachs den niedersächsischen Ausbildungspreis überreicht.

Vor gut drei Jahren fassten wir uns dann noch einmal ein Herz: Die CS Realwerte AG finanzierte im Rahmen ihres satzungsmäßigen Gemeinwohlauftrags bei der Aktien-Gesellschaft für Historische Wertpapiere die Ausbildung unserer Esina zur Fachfrau für Bürokommunikation. Die junge Frau war damals als Flüchtling aus Montenegro zu uns gekommen.

Heute hatte Esina mündliche Prüfung – und bestand sie mit einer glatten „2“. Wir gratulieren, und freuen uns, dass wir einem weiteren jungen Menschen den Weg in ein erfolgreiches Leben ein wenig ebnen konnten.

50.000 Reichsmark vergraben

Die Steine und Erden GmbH in Goslar/Harz (nachmalig FELS-Werke), ursprünglich 1938 als Betriebsabteilung für Materialversorgung mit Ziegeln, Hüttenzement und Flußspat für die Salzgitteraner Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten gegründet, ist mit ihrem recht prachtvollen Verwaltungsgebäude in der Goslarer Ebertstraße für den Verfasser dieser Zeilen nicht irgendeine Firma. Denn schräg gegenüber von diesem netten Anwesen ist der Verfasser dieser Zeilen aufgewachsen. Der riesige Garten um das Verwaltungsgebäude hatte für spielende Kinder immer eine große Anziehungskraft gehabt. Vor allem im Herbst, wo man an einem abgelegenen Ende des Grundstücks regelmäßig über den Zaun kletterte, um dort Kastanien zu sammeln. Der Förster in Goslar zahlte schließlich 10 Pfennig pro Kilo. Für einen kleinen Pimpf wie mich damals ein ungeheurer Zuverdienst.

Dieser Garten begegnete mir jetzt plötzlich wieder. Dank Carola hat man heute ja Zeit für viele Dinge, die in normalen Zeiten links liegen bleiben. Beispielsweise für die Lektüre der von einem Finanzhistoriker wie mir seit Jahr und Tag zusammengetragenen Firmenchroniken. So las ich am Wochenende das Büchlein „Zehn Jahre Wiederaufbau 1949-1959“ der Steine und Erden GmbH in Goslar/Harz, das damals kurz nach meinem 4. Geburtstag erschienen war.

Solche Chroniken sind für den Finanzhistoriker immer eine Erkenntnisquelle, vor allem solche aus Zeiten, als die Vorstellungen von „politisch korrekt“ noch völlig andere waren als heute. Aus der Sicht 1959 trug die Wirtschaft noch an nichts eine Schuld, was ab 1939 in Deutschland passiert war. Auch bei der Administration von später im Donez-Becken übernommenen Betrieben hatte die Steine und Erden GmbH aus der Sicht 1959 nichts als bewundernswerte Aufbauleistung erbracht. Man erfährt aber auch so interessante Dinge wie: Den Auftrag zum Bau des Hüttenwerkes in Salzgitter mit in der geplanten Endausbaustufe 32 Hochöfen und zwei Stahlwerken führte ab 1938 mit Zustimmung des Beauftragten für den Vierjahresplan Generaloberst Hermann Göring ein US-amerikanischer Anlagenbauer aus …

Die Beziehung großer Teile der US-Industrie zu Deutschland zur damaligen Zeit war ohnehin deutlich vielschichtiger als es uns die weichgespülten Geschichtsbücher heute vermitteln. Aber darauf wollte ich jetzt auch gar nicht hinaus. Zurück zum Garten der Steine und Erden GmbH in meiner Geburtsstadt Goslar, über den man in der Firmenchronik erfährt:

Die erste Zeit nach dem Einmarsch der Amerikaner brachte die sofortige Beschlagnahme unseres Büros in Goslar. Mit vereinten Kräften stellten die Mitarbeiter der Verwaltung eine Arbeitsdienstbaracke in den Garten unseres Grundstückes, in der sie bis zum Jahr 1949 gearbeitet haben. Da eine geregelte Tätigkeit zunächst nicht möglich war, beschäftigte sich die gesamte Verwaltung mit dem Umgraben von erreichbaren Grundstücken und dem Legen von Kartoffeln. 50.000 Reichsmark, die wir vor dem Einmarsch der Truppen vergraben hatten dienten als Notpfennig. Alle Mitarbeiter bekamen unbeschadet der Stellung je nach Kopfzahl der Familien einen Mindestbetrag, der das nackte Leben sicherte.

Das geht vor allem an diejenigen, die sich angesichts der gestrigen Beschlüsse zur Pandemie-Bewältigung vor Entrüstung gar nicht mehr einkriegen wollen. Ihr lieben Leute: Solange wir noch nicht an dem Punkt sind, wo das gesamte Bundeskabinett außer dem dafür zu ungelenken Wirtschaftsminister Altmaier zum Kartoffeln Legen abkommandiert ist, solange geht es uns allen aber noch sowas von gut …

Wie Arsch auf Eimer passt zu der netten kleinen Geschichte und als Moral aus der Geschicht‘, was man am 5. Januar unter der Zwischenüberschrift „Rückfall in die Rezession“ im Handelsblatt lesen durfte: Der Handelsverband Deutschland (HDE) forderte angesichts der sich abzeichnenden Verlängerung des Lockdowns Nachbesserungen bei den staatlichen Finanzhilfen für die Branche. „Die Händler brauchen jetzt dringend passgenaue und schnelle staatliche Hilfen, um diese schwere Zeit überstehen zu können“, sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth dem Handelsblatt.

Nur einen Tag später, am 6. Januar erfährt der erstaunte Zeitgenosse dann auf der Titelseite des gleichen Handelsblatt: Obwohl 2020 viele Geschäfte wegen des Lockdowns wochenlang geschlossen waren, konnte der deutsche Einzelhandel seinen Umsatz im vergangenen Jahr nach einer Schätzung des Statistischen Bundesamtes um 5,3 Prozent steigern, den höchsten Zuwachs seit 1994.

Vielleicht sollte man den Cheflobbyisten Genth dieses Jahr aus erzieherischen Gründen auch mal ein paar Monate Kartoffeln Legen lassen. Damit die Arbeit an der frischen Luft sein Gehirn freipustet und er in Zukunft von allein darauf kommt, wie surreal es ist, daß eine Branche mit 5,3 % Wachstum ihre Hände nach dem Portemonnaie des Staates auszustrecken wagt.

Immobilienfonds ohne Immobilien

An sich hätten die letzten Objekte der abwickelnden Offenen Immobilienfonds spätestens bis Frühjahr 2020 verkauft sein müssen. Tatsächlich waren auch alle Fonds bereits Ende 2019 immobilienfrei – bis auf einen: Der SEB ImmoInvest schaffte es nicht, mit der Volme-Galerie und dem Stadtfenster in Hagen auch seine letzten beiden Objekte fristgerecht zu verkaufen. Erst sprang vor gut einem Jahr ein Käufer in letzter Minute wieder ab, dann kam Carola. Die beiden Einzelhandelsobjekte in Hagen wurden für den SEB ImmoInvest zur Hängepartie.

Alle nach der letzten Finanzkrise in die Abwicklung gegangenen Offenen Immobilienfonds hatten insgesamt mehr als 500 Objekte zu verkaufen, allein 135 davon der SEB ImmoInvest. Als wir 2015 mit unseren bis auf Einzelobjektebene runtergehenden Fondsanalysen begannen, waren beim SEB ImmoInvest die beiden Hagener Objekte noch mit mehr als 100 Mio. EUR bewertet. Hohe Leerstände zwangen das Management über die Jahre zu immer neuen Anpassungen an die Realität. 19 der gut 50 Läden stehen bis heute leer, und der erst 2016 eingezogene Ankermieter SinnLeffers wurde zu allem Überfluß im April 2020 erneut insolvent. Im August 2020 erfolgte schließlich die letzte außerordentliche Abwertung um 14 auf 44,6 Mio. EUR. Doch auch das schien uns angesichts der ersichtlich desolaten Lage vor Ort noch deutlich zu optimistisch: In unseren internen Fondsanalysen hatten wir für die beiden Hagener Objekte nur mit Verkaufserlösen von 23 Mio. EUR gerechnet. So schlecht lagen wir damit auch gar nicht: Heute meldet der SEB ImmoInvest den Verkauf von Volme-Galerie und Stadtfenster „unter dem zuletzt festgestellten Verkehrswert“, und aus dem gleichzeitigen Rückgang des Rücknahmewertes läßt sich auf einen erzielten Preis von rd. 25 Mio. EUR schließen.

Sieht man einmal von der inzwischen länger als 10 Jahre laufenden unendlichen Geschichte der Brandschadenruine des DEGI International in Bukarest ab, dann ist das Thema „Immobilien“ für die abwickelnden Offenen Immobilienfonds inzwischen endgültig Geschichte. Das Fondsvermögen besteht in allen Fällen nahezu vollständig nur noch aus Bankguthaben, die im Laufe der Jahre als Kapitalrückzahlungen an die Anleger ausgekehrt werden. Den Anfang macht dieses Jahr der SEB ImmoInvest mit 0,50 EUR pro Anteil am 26. Januar. Im Februar sollte dann der KanAm grundinvest mit seiner nächsten Ausschüttung folgen.

Prosit Neujahr!

Wie Sie die Silvesternacht verbracht haben, geschätzter Leser, habe ich leider nicht erfahren. Ich fürchte, es wird auch niemanden groß interessieren, wie der Verfasser dieser Zeilen die Silvesternacht verbracht hat. Wenn er dazu trotzdem ein paar Zeilen verfassen muss, bittet er die verehrte Leserschaft also schon einmal vorweg um Nachsicht.

Also, zur Zeit ist ja „social distancing“ angesagt, und so blieb der Verfasser dieser Zeilen zu Hause und verbrachte Silvester allein mit der besten Ehefrau von allen und der familieneigenen Katze Paula, auf die später noch zurückzukommen sein wird. Das Abendessen, schon seit Jahren traditionell Sushi vom Japaner, war lecker, die Gattin durchaus ansehnlich gewandet, was sollte einem vergnüglichen Abend jetzt noch im Wege stehen? Die eigentliche Herausforderung bestand nur noch darin, den Rotweinkonsum zwischen Abendessen und Mitternacht so weit zu kontingentieren, dass gelegentlich des Jahreswechsels noch ohne Reue ein Pülleken Puffbrause genossen werden konnte.

Sechs Stunden zu überbrücken. Was macht man da? Alle unsere Hoffnung lag auf dem Fernsehprogramm. Zu gerne erinnerten wir uns an das letzte Silvester, wo das Programm am Ende noch richtig fetzig wurde und dessen geschätzte Gattin sowie den Verfasser dieser Zeilen am Ende bis morgens um 5 mit  ABBA & Co. Party machen ließ. Dieses Jahr, unter Carola-Bedingungen, durfte man doch gewiß mit Recht erwarten, dass die Programmgestalter da noch mal einen Zahn zulegen.

Doch was war? Nichts dergleichen. Privatsender? Kannst Du voll vergessen. Irgendwie steuern bei den Privaten die Programmgestaltung Zombies aus einem Ministerium für Volksverblödung, das sich nach dem Untergang der DDR mit einer Handvoll untoter Staatssekretäre wundersamer Weise über die letzten drei Jahrzehnte bis in die Gegenwart hinübergerettet hat. Nach nur wenigen Minuten Durchzappen und kopfschüttelnder Betrachtung des Dargebotenen waren wir uns einig: Nee, das kommt ja nun gar nicht in Frage.

Dann eben doch was öffentlich-rechtliches. Doch auch hier erschwerte das Dargebotene unser Maßhalten beim Rotweinkonsum ganz ungeheuer. In Stichworten nahm der Abend etwa folgenden Verlauf: Fiesta Mexicana, hossa, hossa. Wenn ein Schiff vorüberfährt. Der Schlümpfe-Song. Himbeereis zum Frühstück. Ja, ich weiß, so habe ich früher auch mal ausgesehen. Apropos Aussehen: Sehr elegant aus der Affäre zog sich da die als Interview-Partnerin geladene Enie van der Meiklokjes. Sie behütete das Vorderteil ihres wallenden Rotschopfes mit einem Etwas, das man auf den ersten Blick für einen Kochtopfdeckel mit Glitzer halten musste. Zeitloser geht es nicht.

Leider blieb es den ganzen Abend so: Zu der Phantasie besagter Frau van der Meiklokjes bei der Wahl ihrer Kopfbedeckung blieb die öffentlich-rechtliche Programmgestaltung in diametralem Gegensatz. Ganz offenkundig hatte man sich dort aus Gnatz über die kürzlich durchgefallene Rundfunkgebührenerhöhung vorgenommen, die akute Schwächung der Volksmentalität durch Carola schamlos auszunutzen und das deutsche Volk mit dem Fernsehprogramm der Silvesternacht endgültig in den Wahnsinn zu treiben.

Das gelingt nun einmal am besten mit den Schlagern der 1970er. Ein Festival der Liebe. Der inzwischen das Rentenalter erreicht habende Verfasser dieser Zeilen war gerade im 1. Lehrjahr, als Jürgen Marcus das 1975 herausbrachte. Fast noch fabrikneu war dagegen Karel Gott mit seiner Babicka. Pferde stehlen, Äpfel schälen. Dieses Kleinod deutschsprachiger Dichtkunst kam erst 1981 heraus. Und dazu immer noch die Original-Clips von damals. Ja, so habe ich früher auch mal ausgesehen. Ich weiß, das habe ich im vorvorigen Absatz schon mal gesagt. Doch Sie werden mir beim abendlichen Blick in das Fernsehgerät vorbehaltlos bestätigen, verehrter Leser: Wiederholungen sind derzeit aber so was von im Trend …

Die einzige, die die kürzliche Silvesternacht ohne Schaden an Geist, Seele und Leber überstanden zu haben scheint ist die familieneigene Katze Paula. Die hat die ganze Zeit zwischen Abendessen und Jahreswechsel einfach nur auf ihrem saisonal existierenden Lieblingsplatz unter dem Weihnachtsbaum gepennt. Ein beneidenswertes Leberwesen.

1 2 3 4 129