Die Kraft der Purpose

Im November 2020 findet in Berlin der Deutsche Handelskongress statt, veranstaltet vom HDE Handelsverband Deutschland und der Handelsblatt Media Group. Warum ausgerechnet der Deutsche Handelskongress das Motto „The Power of Purpose“ tragen muß, erschließt sich dem Verfasser dieser Zeilen nicht. Noch viel schlimmer: Besagter Verfasser bekommt auch nach angestrengtem Nachdenken nicht die leiseste Vorstellung, was mit dieser sprachlichen Nebelkerze als Motto ausgedrückt werden soll – obwohl er selbst immer noch problemlos einen mehrstündigen Vortrag in geschliffenem Englisch zu halten in der Lage wäre.

Wir erfahren auch, welche Experten uns beim Deutschen Handelskongress mit der Kraft der Purpose vertraut machen werden. Allen voran Frau Dr. Angela Merkel, Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Obgleich der Verfasser dieser Zeilen selbst schon seit über 30 Jahren im Versandhandel tätig ist, war ihm bislang noch gar nicht aufgefallen, daß es sich bei Frau Dr. Merkel um eine anerkannte Expertin in Handelsfragen handelt. Will aber nichts heißen. Hier auf dem Wolfenbütteler Rübenfeld abseits aller Machtzentren kriegt man ja so einiges nicht mit.

Für jeden Veranstalter hat Frau Dr. Merkel natürlich den unbestreitbaren Vorteil, daß sich nach ihrer Zusage die Frauenfrage nicht mehr so drängend stellt. Neben bekannten, für sich selbst sprechenden Namen wie dem Urgestein Michael Otto und Drogeriekönig Raoul Roßmann, aber auch dem Chef von IKEA Deutschland, musste man sich für das Podium beim Deutschen Handelskongress also nur noch nach einer Quotenfrau umschauen: Man fand sie in Gestalt von Andrea Euenheim, Chief Human Ressources Officer der METRO AG. Nun trägt diese Frau, und so wird es in der zweiten Zeile der Ankündigung schließlich noch schamhaft erwähnt, eigentlich den Titel Arbeitsdirektor. So steht das jedenfalls immer noch im deutschen Mitbestimmungsgesetz. Aber „Arbeitsdirektor“ liegt ja sprachlich gerade mal eine Ebene unter „Wehrwirtschaftsführer“. Das kann man heutzutage niemandem mehr antun, und einer Frau schon gar nicht.

Schmunzelnd erinnert sich der Verfasser dieser Zeilen an einen ganz gewaltigen Ehekrach, den nach der täglichen Postzustellung bei einem unserer Hamburger Uralt-Sammler ein stark nach Veilchenparfum duftender Brief mit dem verdächtigen Absender H.R.P.S. aus Frankfurt auslöste. Es stellte sich dann heraus, daß die Personalabteilung der Deutschen Bank, also Human Ressources Payroll Services, ihren ehemaligen Mitarbeiter von einer kleinen Pensionserhöhung in Kenntnis setzen wollte …

Mühsam nährt sich das Eichhörnchen

Wirklich der Erwähnung wert ist das jetzt eigentlich nicht. Denn wir reden beim DEGI Europa über einen Ausschüttungsbetrag von insgesamt 1,6 Mio. EUR. Wir erzählen es Ihnen also nur der Vollständigkeit halber, daß besagter Fonds am 27.07.2020 pro Anteil 0,06 EUR ausschütten wird. Liegt aber im Rahmen des Erwarteten. Und bei positiver Betrachtungsweise könnte man immerhin noch sagen: Bei einem Börsenkurs von aktuell 0,57 EUR sind das ja über 10 % …

Alles nichts, oder?

„Alles oder nichts“ war eine 2017/18 auf Sat.1 ausgestrahlte Seifenoper, die nach 50 Folgen abgesetzt wurde. Danach wurde sie gerne auch mal als „Alles nichts oder“ verballhornt. Unnütz war sie aber nicht, denn sonst hätten wir heute keine Überschrift.

Sie verstehen jetzt nur Bahnhof? Das verstehen wir, denn da muß man erst mal drauf kommen, dass damit eine Besonderheit der Einladung zur diesjährigen Hauptversammlung erklärt werden soll.

Jawohl, die Hauptversammlung findet wie vor geraumer Zeit schon angekündigt tatsächlich am 21.08.2020 statt. Ende dieser Woche wird die entsprechende Einladung im Bundesanzeiger veröffentlicht werden, noch fristgerecht, nachdem in Anwendung der speziellen Covid-Bestimmungen die Einladungsfrist vom Vorstand (mit Zustimmung unseres Aufsichtsrates) auf drei Wochen abgekürzt wurde.

Aus dem unseren Aktionären schon vor längerem zugesandten Geschäftsbericht 2019 ist ja bekannt, daß in der Bilanz ein handelsrechtlich grundsätzlich verteilungsfähiger Gewinn von 2.576.794,07 € steht. Aber: Wer daraus eine Dividende zahlen will, muss auch über die nötige Liquidität verfügen.

Dafür eingeplant hatten wir die turnusgemäß im Sommer erfolgenden Ausschüttungen des CS Euroreal und des KanAm grundinvest. Doch der CS Euroreal enttäuschte maßlos mit lediglich 0,10 € Ausschüttung im Juni, und der KanAm grundinvest (dessen Ausschüttungsankündigungen in den vergangenen Jahren mit +/- 5 Tagen Toleranz immer Mitte Juli kamen) hat sich bis heute noch gar nicht geräuspert. Andererseits lief uns inzwischen auch mit bereits verkürzter Einladungsfrist die Zeit davon, und einen ungedeckten Scheck mochten wir in der HV-Einladung nicht schreiben.

Deshalb bitte nicht wundern, liebe Aktionäre, wenn demnächst die Hauptversammlungs-Unterlagen von der Depotbank kommen: Unter „Verwendung des Bilanzgewinns“ wird dort der Vorschlag stehen, den gesamten Betrag auf neue Rechnung vorzutragen. Sollte aber (was wir nicht für ganz unwahrscheinlich halten) bis zum Hauptversammlungstag noch eine Ausschüttungsankündigung vom KanAm grundinvest kommen, die uns auch liquiditätsmäßig eine Dividendenzahlung ermöglicht, dann werden wir für eine entsprechende Modifizierung des Gewinnverwendungsbeschlusses sorgen.

Und selbst wenn am Ende alle Stricke reißen: Wirklich verloren geht unseren Aktionären unter dem Strich nichts. Der ausschüttungsfähige Betrag bleibt ja unverändert erhalten, und die Ausschüttung ist nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben – bis sich unsere Fonds irgendwann dann doch einmal bequemen, von ihrer reichlich vorhandenen Liquidität ihren Anlegern mal wieder ein bisschen zukommen zu lassen.

Wunderwaffe für die digitale Zukunft

Wenn der Verfasser dieser Zeilen nun schon mal seine bitter galligen fünf Minuten hat, dann müssen auch die Fortschrittsfanatiker ihr Fett abkriegen, sonst wäre das ja nur der halbe Spaß.

„Die Redaktion spricht mit Josef Brunner, CEO relayr, über EaaS-Modelle und die aktuelle Markttransformation im Kontext disruptiver Technologien“, erfuhr der Verfasser dieser Zeilen kürzlich aus einem Beitrag in einem Druckerzeugnis namens „Trend Report“ mit obiger Überschrift und war schier sprachlos angesichts einer so kunstvoll gezogenen verbalen Nebelkerze.

Was EaaS genau ist, weiß der Verfasser dieser Zeilen immer noch nicht. Gibt aber auch ehrlich zu, daß er sich nicht die geringste Mühe gegeben hat, diese Wissenslücke zu schließen. Immerhin erfährt er aber aus dem eingangs zitierten Beitrag: „EaaS erlaubt es Unternehmen, einen größeren Teil der Wertschöpfungskette zu monetarisieren.“

Aha, damit ist die Katze also aus dem Sack. Es geht also wieder mal um das alte Thema: Als Menschen sind wir in der digitalen Welt überhaupt nichts wert. Einen Wert bekommen wir erst, wenn wir als Datenlieferant für die klebrigen Fangarme digitaler Versuchungen monetarisiert werden können. Oder um es mal mit meinen Worten auszudrücken: Die digitale Welt funktioniert nur, solange die Dummen auf Kosten der noch Dümmeren Geschäfte machen können.

Wenn der Verfasser dieser Zeilen heute liest, was Wirtschaftspublikationen in diesen Tagen für berichtenswert halten, läuft es ihm eiskalt den altersbedingt ziemlich stark schmerzenden Rücken runter. Haben wir denn immer noch nicht gelernt, daß „Monetarisierung“ nicht hauptsächlicher Sinn und Zweck des menschlichen Daseins sein kann?

Politisch korrekt.

Heute herrscht hier auf dem Rübenfeld Schmuddelwetter. Während die beste Ehefrau von allen gerade einen Nudelauflauf zubereitete (mit Tomaten und Zucchini aus eigener Ernte) schmökerte der Verfasser dieser Zeilen ein bißchen in der Zeitung und ließ im übrigen den Gedanken freien Lauf. Unvermeidlich, daß da mal wieder sehr seltsame Dinge bei rauskamen.

Irgendwie wanderten die Gedanken zu der Frage, dass wir ja demnächst noch eine Hauptversammlung geplant hatten. Und von Thema Hauptversammlung, langjährige Besucher unserer Events und damit Kenner hiesiger Lokalitäten werden es bereits ahnen, wanderten die Gedanken weiter zur Gaststätte „Zum Eichenwald“ im Braunschweiger Ortsteil Mascherode. Dieses Lokal kennt vier Jahreszeiten: Spargel, Pfifferlinge, Braunkohl (so nennt man in unserer Gegend das, was anderswo als „Grünkohl“ bekannt ist) sowie Gänsebraten.

Inzwischen war der Nudelauflauf im Backofen, und die beste Ehefrau von allen hatte sich mir gegenübergesetzt und angefangen die Lokalzeitung zu lesen. Auf der Rückseite ihrer Zeitung versuchte ich bruchstückhaft die Leserbriefe aufzuschnappen. Es ist schon erstaunlich, womit sich Menschen so alles beschäftigen und worüber sie sich aufregen können. Braunkohl, ging mir da plötzlich durch den Kopf – Braunkohl, darf man so was heute überhaupt noch sagen, oder fällt das nicht langsam in die Kategorie „Negerküsse“?

Man darf heute so vieles nicht mehr sagen, auch das Zigeunerschnitzel steht ja schon lange auf dem Index. Das meiste denkt man sich dann lieber bloß noch – bis auch das eines Tages verboten sein wird.

Darf ich Ihnen das jetzt überhaupt verraten? Mein Kollege und ich waren heute vormittag völlig einer Meinung, daß man den Krawallmachern von Stuttgart und den neuerdings wieder am Ballermann auftretenden Blödmännern (und, nur politisch korrekt der Vollständigkeit halber: Blödfrauen) einfach mal ein mehrmonatiges Auslands-Stipendium in Pjöngjang ermöglichen sollte, zur Erweiterung ihres Horizontes, sozusagen. Erzählen Sie das jetzt bloß nicht weiter, auf was für Ideen die Einfaltspinsel hier auf dem Rübenfeld so kommen.

Also, Braunkohl. Noch dazu in Braunschweig. Ewig wird dieser Stadt der Makel anhängen, daß die Braunschweigische Landesregierung in den 1930er Jahren mal einen gewissen Adolf Hitler zum Braunschweigischen Regierungsrat ernannte. Angetreten hat der H. sein Amt hier zwar nie, aber als deutscher Beamter besaß er im Deutschen Reich nun das passive Wahlrecht, das er vorher als Österreicher nicht hatte. Mit den bekannten Folgen.

Doch es kommt noch schlimmer, je mehr man sich umschaut. Im Harz, praktisch nur einen Steinwurf entfernt: Braunlage. Oder, zwischen Braunschweig und Wolfsburg gelegen: Brunsrode, die kleine plattdeutsche Schwester des bösen Braun-Wortes.

Und war da nicht noch der in Wien geborene Wirecard-Chef Markus Braun? Ich hatte es doch gleich geahnt. Mit Führungspersonal aus Österreich macht man bestenfalls durchwachsene Erfahrungen.

Es regnet immer noch. Bei Sonnenschein wäre ich auf einen solchen Blödsinn auch nie gekommen.

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